Tschernobyl, 1986. Ein Stichwort, zu dem vermutlich jeder Schüler etwas sagen kann – auch wenn die meisten zu diesem Zeitpunkt noch nicht einmal geboren waren. Bhopal, 1984. Was war da noch gleich?
Die große Unwissenheit bei diesem Thema ist bestimmt nicht auf die zwei Jahre zurück zu führen, die dieses Unglück älter ist, denn neben vielen Schülern sind auch zahlreiche Erwachsene nur unzureichend über dieses Ereignis informiert. Erschütternd, gilt Bhopal doch als Ort der größten Chemiekatastrophe aller Zeiten: In der Nacht auf den 3. Dezember 1984 traten hier in einer Pestizidfabrik des amerikanischen Chemieunternehmens Union Carbide mehrere Tonnen des hochgiftigen Gases Methylisocyanat aus und überraschten tausende Menschen im Schlaf. Schätzungen von Greenpeace zufolge starben in den ersten drei Tagen bis zu 8.000 Menschen beispielsweise dadurch, dass ihre Lungen durch das Gas angegriffen wurden. Insgesamt sollen seitdem fast 20.000 Einwohner ums Leben gekommen sein, bis zu 150.000 (andere Schätzungen sprechen gar von 500.000 Personen) leiden bis heute an den Langzeitfolgen der Gaseinwirkung – seien es Krebs, Missbildungen oder Erblindungen – und sind weiterhin vom immer noch verseuchten Grundwasser abhängig. Das Verheerende: Weder Union Carbide bzw. die heutige Mutterfirma Dow Chemical haben ausreichende Hilfsleistungen oder Ausgleichszahlungen vorgenommen oder die kontaminierten Grundstücke gereinigt; auch der indische Staat hat versagt. Das Unternehmen setzt vielmehr auf die Taktik des Schweigens – und hat offensichtlich Erfolg.
Die Hochschulgruppe von Amnesty International an der Freien Universität setzt sich zum Ziel, dass diese gravierenden Menschenrechtsverletzungen nicht unter den Mantels des Schweigens gelegt werden, sondern dass dem Thema eine neue Aufmerksamkeit zuteil wird. Die Arbeitsgruppe Menschenrechtsbildung hat dafür in den letzten Monaten ein Unterrichtskonzept entwickelt, mit dem sie in Berliner Schulen interaktiv und multimedial Schüler an das Thema heranführen möchte. Die Premiere erfolgte in der Dahlemer Königin-Luise-Stiftung, in dem die fünfköpfige Gruppe eine Doppelstunde Unterricht im Politik-Grund- und Leistungskurs der zwölften Klasse hielt. Nach einer Einführung mittels Fotos des Fabrikgeländes, der betroffenen Menschen und aufgebrachten Demonstranten hörten die Schüler den Erlebnisbericht eines Betroffenen, bevor in die Faktenlage und eine Analyse der Verantwortlichkeit und der Menschenrechtsverletzungen übergeleitet wurde. Den Abschluss bildete eine Diskussion über den Beitrag der "Yes Men", einer Aktionsgruppe, die Aufmerksamkeit auf das Thema lenken will, in dem sich die Künstler als Sprecher des Unternehmens ausgeben und gigantische Hilfsgelder versprechen – eine Herangehensweise, die nicht jedem gefallen muss. Dementsprechend gemischt waren die Reaktionen in der Diskussion, in die sich auch die Lehrerin einschaltete.
Die Gruppe freut sich über interessierte Schulen und Jahrgangsstufen zwischen der achten und zwölften Klasse, die das Angebot in Anspruch nehmen, sowie weitere Studenten, die sich an der Gruppe beteiligen möchten. Die Gruppe kann per eMail an gruppe@amnesty-fu-berlin.de erreicht werden.
Weitere Informationen und Quellen:
http://www.amnesty-fu-berlin.de/index.php?option=com_content&view=article&id=82&Itemid=128
http://www.amnesty.de/25-jahre-nach-bhopal-opfer-warten-auf-gerechtigkeit
http://www.amnesty.org/en/library/asset/ASA20/015/2004/en/fa14a821-d584-11dd-bb24-1fb85fe8fa05/asa200152004en.pdf
http://www.greenpeace.de/themen/chemie/nachrichten/artikel/19_jahre_bhopal_katastrophe/
http://www.greenpeace.org/usa/campaigns/toxics/justice-for-bhopal

